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Neapel ist kein Themenpark. Neapel ist dreckig und stupend, ist
gemein und niederträchtig wie ausserordentlich und göttlich,
Neapel ist eine billige Dirne und eine göttliche Diva, es vermittelt
Ekel und die ursprünglichste Zuneigung, die man empfinden kann.
Neapel ist Leben. Pur, schnell, laut und in allen Schattierungen.
In Neapel stehen weltbedeutende Kunstwerke und Bauten mit solch
unbeachteter Selbstverständlichkeit herum, dass man nicht weiß
ob man sich freuen sollte oder verzweifeln. Der beliebte deutsche
Satz: „Das gehört mal hergerichtet“ verliert hier,
ob der zur Schau getragenen stupenden, stolzen, atemberaubenden
Grandezza jeglichen Sinn. Positiv könnte man sagen, die Stadt
lebt mit der Kunst.
Sie können ein Jahr durch die Stadt spazieren und werden doch
wieder Augenblicke überraschten Staunens erleben, wie architektonische
Schönheiten mit einer derartigen, fast schon sozialistischen
Gleichgültigkeit, der Funktion, die im Übrigen dann meist
auch nicht so toll ist, unterworfen werden, dass man sagen kann
sie haben eine neue Bestimmung gefunden.
Sie finden Ballsäle, die zu Studentenwgs umfunktioniert
wurden, indem man einfach die Spiegel ab- oder umgehängt hat
und in 8m hohe Räume 3 m hohe Wände ins Eichenparkett
gespackst hat. Sie finden wertvollste Malereien in den Toreinfahrten
der Paläste, die nach Erdbeben und dem Zahn der Zeit Rechnung
tragend herabzubrechen drohten einfach mit Brettern nach oben festgehalten
werden. Sie finden Kirchen, die in der Entwicklung von Europa wichtig
waren und die im Centro Storico stehen, und die verfallen und preisgegeben
werden.
Sie finden Treppenstufen und Hauseingänge von griechischen
und römischen Amphitheatern, die heute als Treppen und Türen
ganz normaler Häuser dienen.
Mindestens 2500 Jahre Geschichte, und das sind nur die dokumentierten,
sind hier vereint, durchdringen alles, verdrängen alles und
werden doch verdrängt vom hier und jetzt mit dem Verkehr, den
Motorinis, und dem wunderschön rauen Singsang des Neapolitanischen,
das mehr spanisch mit arabischem Einschlag gleicht, denn dem gestelzten
Hochitalienisch fiorentinischer Provenienz.
Es gibt in Neapel so viel zu sehen, dass man es auch in einem Jahr
nicht schafft, auch weil die Stadt selbst, allein das Herumgehen
süchtig macht. Es ist so als bewege man sich laufend durch
eine Filmkulisse, ein Italienfoto.
Mit Leinen über Gassen, Stöckelschuhen, Sonnenbrillen
und Nahtstrumpfhosen über rauem Kopfsteinpflaster, mit Mädels,
jung, dunkelhaarig, blond, rot, gesträhnt, dünn, dick,
gern ein klein wenig überschminkt, übermütig lachend
oder anziehend arrogant strahlend, allein, zu zweit und gern auch
zu dritt auf Ihren Motorini, die an treue, zottelige, kleine Pferde
aus zentralasiatischen Steppen erinnern und sie mit erstaunlicher
Eleganz durch den Verkehrsdschungel tragen - überhaupt, mit
diesen Motorini überall, die einfach alles transportieren,
die Stadt wäre längst einem Kollapps erlegen, gäbe
es sie nicht. Dem rauen lebensfrohen Gerufe der Neapolitaner.
Den kleinen quirligen Jungs, die Kaffee zu den
Geschäftsleuten bringen– Vollautomat, pah! Fullservice!.
Den Autos, die sich auch noch durch engste Gassen schieben und immer
wieder den Frauen, die so zu dieser Stadt und diesem Land passen,
dass man sicher ist, man hätte sie auch an diesem Ort vor 500,
1500, 2000 oder 2500 Jahren mit der gleichen Schönheit und
Eleganz die bewundernden Blicke anziehend, hier vorbeischweben sehen.
Und so schafft man sie nicht alle, die Museen und Burgen und Paläste
und Höhlen und Ruinen und Gemäldesammlungen, die in altbekannter
Manier vom längst vergangenen Glanz Neapels künden, was
nichts macht, den mit offenem Geist spürt man ihn ohnehin jede
einzelne Sekunde, die man hier zubringt und das, was man mit offenen
Augen sieht genügt.
3 Spaziergänge Neapel zu entdecken
Für Eilige aber auch zum Einstieg gibt’s im Anhang 3
Spaziergänge die Sie durch Neapel führen werden und ein
paar Tipps, die ich Ihnen nicht vorenthalten will.
Es sind 3, da es sich bei Neapel um mehrere Städte in einer
handelt. Und so geschieht hier leicht das Wunder, dass man in einem
Spaziergang von einer halben Stunde von verfallenen Traumbauten
im Centro Storico zu Plätzen kommt, die wunderschön hergerichtet
sind und die einem dann zeigen wie strahlend schön Neapel sein
könnte, um dann im Kopf eben jene Unentschlossenheit zurück
zu lassen, ob man das eigentlich möchte.
Und so werden Sie diese Spaziergänge und Tipps
auch aus dem Centro Storico hinaus nach Mergellina führen oder
auf den Vomero und auf die eine oder andere Insel.
Denn in Mergellina mit dem Yachthafen ist alles
mondän und so schön wie in vielen französischen Hafenstädten.
Vomero, das Reichenviertel oben am Berg erinnert ein klein bisschen
an Südfrankreich mit seinem palmenbestandenen Kreisverkehren
und den aufgeräumten Plätzen.
Und man versteht Neapel nicht, wenn man seine Inseln nicht kennt.
Ischia, Capri, Procida. Ebenso die Amalfiküste. Touristenattraktionen
allesamt und doch auch das Erholungsrefugium der vermögenderen
Neapolitaner und der Grund, warum man in Neapel trotz Hitze, Lärm
und dem Verkehr mit entsprechendem Kapital wirklich gut leben kann.
Besuchen Sie also, die wunderschöne Insel Capri, immerhin 30
Jahre Regierungssitz des Imperium Romanum, Ischia mit den Schwefelquellen
und wenn Sie´s sehr gemütlich wollen, dann fahren Sie
nach Procida. Mit dem Boot eine halbe Stunde. Ein nicht überlaufenes
Paradies mit kleinen Häfen, einer wunderschönen Marina,
gleich neben dem Hafen und schönen Stränden.
Und wenn Sie dann im Sommer mit der Fähre um 20.00 von Procida
aus nach Neapel zurückfahren, an der erleuchteten Küste
entlanggleiten und der Golf , getaucht in dieses mediterrane fast
fliederfarbene Licht der untergehenden Sonne sich vor Ihnen diffus
fast aufzulösen scheint, dann werden Sie verstehen, warum der
Legende nach der Erzengel Gabriel gefragt, was er denn als Lohn
für seine neue leidige Aufgabe, ewige Versuchung der Menschen
zu sein, aus dem Paradies mitnehmen wolle, sich für eben diesen
Golf entschied.
Ob er wusste, dass da auch Napule`, wie Neapel
in Napoletan so schön heisst, dabei ist, ist allerdings nicht
überliefert.
Und noch ein Tipp zu guter Letzt: Wenn Sie von
Neapel zurückfliegen dann buchen Sie sich einen Fensterplatz
auf der, wenn Sie im Flugzeug Platz genommen haben rechten Seite
des Fliegers. Normalerweise startet das Flugzeug dann aufs Meer
hinaus und dreht eine wunderschöne Schleife über das Centro
storico, Mergellina, Posilipo und dann aufs Festland. Bei Sonnenschein
ein Augenschmaus. Der Zuckerhut - ein Dreck dagegen.
Viel Vergnügen!
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